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Rede von Peter Neumann anlässlich der Buchvorstellung
Der unerwartet im Mai dieses Jahres verstorbene Verfasser des heute präsentierten Buches hat dieses Werk als den krönenden Abschluss einer lebenslangen Beschäftigung mit der älteren wie jüngeren Geschichte seiner Heimatstadt nicht mehr erfahren können, sondern unvollendet hinterlassen müssen. Als Karl August Schleiden bereits im Jahre 1976 einen Nachdruck der 1934 in zweiter Auflage erschienenen, ausführlich kommentierten Bilddokumentation „Saarbrückens Vergangenheit im Bilde“ des Gymnasialprofessors Dr. Fritz Kloevekorn herausgab, erwähnte er in seinem Vorwort auch dessen Vorgänger als Stadtgeschichtsschreiber. Er nannte die Namen Köllner, Schröter, Krohn, Ruppersberg und Lohmeyer und wird sich wohl damals schon als weiteres Glied in dieser Reihe gesehen haben. Dieser seinerzeitige Band war im Vorfeld des ersten Abstimmungskampfes entstanden. Er sollte, ebenso wie auch das zwei Jahre zuvor veröffentlichte, sodann 1975 ebenfalls nachgedruckte Inventar der Kunstdenkmäler von Walter Zimmermann, aus politischen Gründen betont die deutsch geprägte Vergangenheit der Region und ihrer Hauptstadt demonstrieren. Gleichzeitig sollten beide das „kulturelle Selbstbewusstsein“, wie es damals hieß, fördern.
Gewürdigt wurde die längst verschwundene fürstliche Residenz, bekundet im zweiten Teil aber vor allem der nach 1870 einsetzende Aufstieg des Industriestandortes. Hervorgehoben wurde die neue Rolle als Garnisonstadt, eingedenk des Kampfes um die Spicherer Höhe im Sommer 1870, jenes kriegerischen Ereignisses, das der Grenzstadt im neugeborenen Reich zu allgemeiner Bekanntheit verholfen hatte. Mit dem Zusammenschluss der beiden Saarstädte im Jahre 1909 endete diese Materialsammlung. Zur versprochenen Fortsetzung dieses „Ansatzes zu einer Kulturmonographie“, wie Kloevekorn meinte, ist es nicht gekommen: der Autor starb 1964. Als man sich dann in den siebziger Jahren nach dem auf die Zukunft hin gerichteten Wiederaufbau wieder auf das Gestern und Vorgestern besann, sich des gewachsenen Stadtbildes und der Lebensverhältnisse vor den verheerenden Zerstörungen in den Jahren 1943 und 1944 erinnern wollte, da musste man sich zunächst mit einem solchen Reprint eines Frankfurter Verlages begnügen.
Die Mitwirkung von Schleiden war keineswegs zufällig gewesen. Denn schon drei Jahre zuvor hatte er mit der einst geplanten Fortführung des Kloevekornschen Albums begonnen. Angeboten hatte sich dafür die Buchreihe eines Düsseldorfer Verlages, die unter dem Titel „so wie es war“ seit 1962 den Baubestand und das Alltagslebens deutscher Städte vor ihrem Untergang im Bombenkrieges zeigte und beschrieb. Für über 60 Stadtgemeinden in Ost und West konnte die „optische Hinterlassenschaft“ durch die Fotographie, wie man verkündete, festgehalten werden. Nach den Vorgaben des Verlages beschäftigte sich der von Schleiden verfasste, 1973 erschienene Saarbrücken-Band mit den Jahren 1920 bis 1935. Nicht wie bei Kloevekorn mittels einer Folge von Bildern und daran geknüpften Erläuterungen, sondern umgekehrt durch einen zusammenhängenden Bericht mit aussagekräftigen Bilddokumenten, die den Text verlebendigen. Stützen konnte er sich auf inzwischen entstandene neuere Forschungsbeiträge, wie sie etwa auch in der von ihm redigierten, seit 1957 erscheinenden und leider 1994 eingestellten „Saarheimat“ oder in der „Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend“ des Historischen Vereins veröffentlicht worden waren.
Der Erfolg rechtfertigte 1980 einen nächsten Band, der vom Abstimmungskampf in der Mitte der dreißiger Jahre bis zum wiederholten Ereignis Mitte der fünfziger Jahre reichte. Ein dritter Band führte sodann 1985 an die unmittelbare Gegenwart heran. Jetzt war der Autor nicht mehr allein auf jene gedruckten Quellen angewiesen, die ein inzwischen immer umfangreicher gewordener Literaturnachweis aufzählte. Er konnte auch eigene Wahrnehmungen einbringen.
Es mag heute verwundern, dass solche lokalhistorischen Veröffentlichungen, ob als Reprint oder als Originalausgabe, von auswärtigen Verlagen besorgt wurden, mochte auch von Vorteil sein, dass unsere Region somit in der ganzen Bundesrepublik bemerkt wurde. Doch der von Schleiden geleitete Verlag „Die Mitte“ war zwischen 1974 und 1986 über zehn Jahre lang durch die kostspielige elfbändige Kirschweng-Gesamtausgabe gebunden. Erst 1979 entschlossen sich hiesige Firmen, Nachdrucke heimatkundlicher Werke, aber auch historische Bildbände einzelner Gemeinden - wie die bald 15 Ausgaben umfassende „vormals“-Reihe – herauszugeben. Seitdem wurde es selbstverständlich, dass selbst aufwendige Publikationen in eigener Sache hierzulande verlegt wurden.
Die älteren Chroniken von Saarbrücken und St. Johann begannen 1865 mit der Arbeit von Adolph Köllner und endeten 1903 mit dem Werk von Albert Ruppertsberg. Es war wie überall und wie üblich die Aufgabe von Gymnasiallehrern oder Archivaren gewesen, beeinflusst naturgemäß von zeitgenössischen Erwartungen und Tendenzen. In den Fußnoten des heute vorliegenden Buches hat Schleiden gelegentlich darauf hingewiesen, wie sehr diese Männer dem Zeitgeist verpflichtet waren.
Notwendig wurde deshalb vor genau zehn Jahren zur Tausendjahrfeier der Ersterwähnung Saarbrückens eine wissenschaftlich fundierte Stadtgeschichte auf Grund neuer Methoden und Erkenntnisse. Nicht mehr der Historische Verein allein, sondern nunmehr auch die junge Universität beteiligten sich daran. Unter der Herausgeberschaft von Rolf Wittenbrock waren es dann 23 Mitarbeiter als Vertreter verschiedener Fachrichtungen oder Teilbereiche, die als Spezialisten oder Sachverständige zu einzelnen Epochen und spezifischen Aufgabengebieten die Texte lieferten, anregend „zur produktiven und kritischen Auseinandersetzung“, wie im Vorwort gefordert wurde. Denn umfassender als bisher waren politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Vorgänge in ihrem Zusammenhang mit allgemeinen Entwicklungen zu beschreiben und zu werten, gemessen an der Quellenlage und dem augenblicklichen Forschungsstand. Die damit verbundene Problematik, etwa hinsichtlich der zahlreichen noch vorhandenen Forschungslücken, ist in der Einführung beschrieben worden. Sparsam eingesetzte Abbildungen in diesen beiden Bänden von 1999 hatten nur die Funktion, den eher trockenen Bericht zu begleiten.
Dagegen hat Karl August Schleiden den von ihm gewählten traditionellen Ansatz fortführen wollen, eine erzählerische Gesamtschau mit Unterstützung ausgewählten Bildmaterials, gedacht für ein breites Publikum. Von Haus aus promovierter Literaturhistoriker und kein Fachhistoriker, hat er sich bewundernswert gründlich mit dem bisherigen Schrifttum vertraut gemacht. Das Literaturverzeichnis umfasst rund 540 Einzeltitel von ihm beanspruchter Arbeiten, ob als selbständige Veröffentlichung oder als Aufsatz in einem Periodikum erschienen. Dazu kommen weitere von ihm eingesehene 84 Sammelbände, Festschriften und Kataloge. Die Anmerkungen beweisen, dass er solche mitunter entlegene Quellen tatsächlich kritisch genutzt und bewertet hat, dort gelegentlich auch Einsprüche oder Korrekturen vermerkte.
Den Anfang macht wie gewohnt die Vor- und Frühgeschichte der Gegend, sodann die Entstehung einer Siedlung, ehe mit der Verleihung des Freiheitsbriefes durch die Saarbrücker Grafen im 14. Jahrhundert die Eigenentwicklung der beiden Geschwisterstädte an der Saar beginnt. Für das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit gibt es im Stadtkern kaum sichtbar gebliebene Zeugnisse. Der Autor bedauert, dass vom auswärtigen Fürstengeschlecht der Nassauer das durchaus beachtliche Renaissance-Schloss nicht weiterentwickelt, sondern radikal beseitigt wurde, sodass allein das barocke Erscheinungsbild der Stadt geblieben ist. Erst jüngst hat man frühere Reste aufspüren können. Die Französische Revolution beendigte die eigenständige Souveränität und das sich erst spät entfaltende Ansehen eines dieser vielen Duodez-Fürstentümer im Alten Reich. Zunächst dem französischen Staatsverband zugeteilt, fand man sich nach dem zweiten Pariser Frieden 1814 als Eckzipfel der neu-preußischen Rheinprovinz wieder, von Koblenz aus regiert. Aber dank des Bergbaues erlebte die Stadt einen „Aufschwung durch Industrie und Verkehr“, wie dieses Kapitel überschrieben ist. Diese bis heute entscheidende Entwicklungsstufe ist in dem Buch mit sogar oft kaum oder bisher gar nicht bekanntem Bildmaterial reichhaltig bestückt und muss als Sonderleistung anerkannt werden. So gibt für die Zeit zwischen 1850 und 1914 insbesondere zur Familien- und Firmengeschichte viel Neues zu entdecken, was sich bisher an verstreuten Orten oder in privaten Veröffentlichungen versteckte. Wir sehen Fotos von Geschäftshausfassaden und Schaufenster-Auslagen des Einzelhandels, von Fabrikhallen und Sozialeinrichtungen der Industrie, ergänzt durch Plakate, Werbeanzeigen oder Zeitungsmeldungen. Hier setzen erste persönliche Erinnerungen des 1929 in Burbach geborenen, am Rotenbühl und auf dem Rodenhof aufgewachsenen Autors ein: gespeist durch erste Eindrücke in der Kindheit oder durch Erzählungen noch lebender Nachfahren alteingesessener Familien.
Solch eigenes Erleben begünstigte die Behandlung der zwanziger und dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts, erst recht des Zweiten Weltkriegs. Deshalb sprengen wohl die letzten Kapitel den bisherigen Rahmen, mit manchmal ausufernden Breite und gelegentlichen Abschweifungen. Ein realistisches Bild der Alltagswirklichkeit ist es gewiss, das können die Angehörigen seiner Generation bezeugen. Doch scheint hier auf einmal der gebotene Abstand des Historikers zu fehlen, der nach Ursachen fragt, der um sorgfältig abwägende Wertung bemüht ist. Auch die Herausgeber haben solche Bedenken gehabt, doch sich letztlich entschlossen, diese persönlich gefärbten Aussagen als authentischen Zeitzeugenbericht unverändert zu belassen Das letzte Bild zeigt die ersten Rückkehrer in die von Trümmern besetzte Stadt gleich nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im März 1945.
Im Vorwort sind einige andere Unterlassungen aufgeführt, die dem vorzeitigen Abbruch des Werkes und der fehlenden Endkontrolle des Autors geschuldet sind. Doch von einer grundsoliden, zuverlässigen Arbeitsweise können wir ausgehen, das zeigen Proben überall schnell. In jedem Fall haben wir eine begrüßenswerte Sammlung überlieferter und belegter Zeugnisse der Stadtgeschichte und ihrer einstigen Bewohner vor uns, aus vielen Einzelheiten zusammengefügt und geordnet, in der Kombination von Bild und Text sich an vorhandenen Kenntnissen und Einsichten orientierend. Zusammengeführt ist vieles, was sich zerstreut in gedruckten Quellen findet. Und so wird jeder vielerlei entdecken können, wobei die Illustrationen eine Leitfunktion besitzen, die das fehlende Register ersetzt.
Es liegt eine gewisse Tragik liegt darin, dass es diesem verdienstvolle Publizisten mit seinem großen Wissen und kritischen Verstand nicht vergönnt war, dieses Werk zu vollenden, als Summe jahrzehntelanger Erkundungen des Werdens und Wachsens dieser Stadt. Es bleibt sein Vermächtnis, das sich lohnt, zu vollenden und weiterzuführen. So wünsche ich dem Werk eine gute Aufnahme und verständige Nutzung.
Die Publikation ist zu beziehen über den Buchhandel oder www.krueger-bookshop.de
letzte Änderung: Freitag, 13.11.2009